C. v. Martens:

Aufklärung eines biobibliographischen Irrtums

Aus der alltäglichen Arbeit eines Antiquars ergibt sich manchmal auch ein Gran für die Wissenschaft.

Bei der Bearbeitung des selten angebotenen, hier bibliographisch beschriebenen Titels stellte sich die Frage nach dem Vornamen des Verfassers.

Flott “gegoogelt” ergab sich, daß das “C.” von den meisten Antiquaren und Bibliothekaren mit “Carl”, manchmal mit “Christian” ergänzt wurde.

Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers. Ein Beitrag zur Geschichte der letzten vierzig Jahre von C. v. Martens [d.i. Justus Theophil Martens (von Bereskow)! In allen Bibliotheken etc. wird das "C." falsch mit "Carl" oder "Christian" aufgelöst!]

Dresden und Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1848. 10 Blätter (incl. Titel); 360 Seiten. Etwas späterer Halblederband über vier (falschen) Bünden, Streicheisenprägung, goldgeprägter Rückentitel, marmorierte Deckelbezüge und Lederecken. Allseitig marmorierter Schnitt, sowie marmorierte Innendeckel sowie fliegende Vor- und Nachsätze. (18,3 x 12,3 cm) Kl.8°.

Das vordere Gelenk des dekorativen Halblederbandes ist im oberen Bereich in einer Länge von etwa 5 cm angebrochen, der Block ist jedoch fest, der Einriß restaurierbar. Innen stellenweise etwas fleckig und/ oder leicht gebräunt.




Es gibt verschiedene Martens, die in Frage kämen, die meisten Bibliographen lösen das “C.” mit “Carl” auf, aber es gäbe auch einen “Christian”: die Lebensdaten wären  1790 - 1863, bzw. 1793 - 1882 (?). 

Der Verfasser soll aber laut Vorwort schon 1846 in Paris gestorben sein?

In den bio- und bibliographischen Angaben herrscht Konfusion vor, es werden möglicherweise Christian und Carl von Martens verwechselt. 

Unser geschätzter Kollege, der Autographenspezialist Eberhard Koestler bietet aktuell (09/ 2026) einen eigenhändigen Brief von “Karl von Martens” an, der wie folgt beschrieben wird:

“Martens, Karl von, Offizier und Diplomat (1790-1863).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Paris, 13. XII. 1844, 4°. 2 Seiten. An den Verleger Arnold in Dresden bei Übersendung von Manuskriptbogen, mit der Frage, ob er er seinen Namen als Autor nennen solle und ob man „starke“ Stellen nicht streichen solle. – Es handelt sich wohl um die bei Arnold erschienenen „Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers“ (1848), diese werden laut KVK „gelegentlich fälschlich Christian von Martens (1793-1882) zugewiesen; vermutl. handelt es sich bei dem Verf. um Carl von Martens (1790-1863)“.

Liest man jedoch im Buch paßt nichts so recht zusammen. 

Der Verlag meldet im Vorwort den Tod des Verfassers im Jahre 1846 in Paris(!). 



Im Text heißt es, daß der Vater des Verfassers während dessen Kindheit eine hohe verantwortliche Stellung in Riga innegehabt hätte, es gab ein Ratsmitglied namens Arnold Gottlieb Martens. Mit dem Tod der Kaiserin Katharina II. und Regierungsantritt ihres Sohnes Kaiser Paul I. hätte sich plötzlich sein und das Leben seiner Familie radikal geändert, das wäre 1796 gewesen, was zeitlich zu beiden passen würde, aber sowohl Carl, als auch Christian haben nichts mit Riga zu tun, sondern einen explizit württembergischen familiären Hintergrund, ihr Onkel mütterlicherseits (Margarete von Scheler 1765 – 1832) und Förderer war der General Georg von Scheler:

“... Scheler nahm seine Neffen Carl von Martens und Christian von Martens zu sich und ermöglichte ihnen eine militärische Laufbahn. …” (ex: wiki)

Carl wurde wie Christian in Italien geboren und starb wie dieser in Stuttgart: 

“Martens: Karl v. M., Offizier und Kriegsschriftsteller, geb. den 12. Juli 1790 auf dem Landgute Miravecchia bei Dolo im Venetianischen, + zu Stuttgart den 23. December 1861, ein Bruder des vorgenannten Botanikers v. M., kam aus dem Elternhaus im J. 1808 nach Stuttgart und wurde durch Vermittlung eines Bruders seiner Mutter, des württembergischen Generals v. Scheler, als Cadett in die württembergische Garde zu Fuß ausgenommen. …” 

ex: Deutsche Biographie (online)

https://www.deutsche-biographie.de/gnd1013382684.html#adbcontent

“Martens: Christian Septimus v. M., Offizier, geb. den 19. August 1793 auf dem Landgute Miravecchia bei Dolo im Venetianischen, + zu Stuttgart den 31. Mai 1882 …”

ex: Deutsche Biographie (online)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz58575.html#adbcontent

Z.B. heißt es auf S. 102 wörtlich:

 “.... Ich entschloß mich gleichfalls, mein Vaterland [die Rede ist von Rußland!] wiederzusehen …”. 

Auf S. 104 dann: “... Bei meiner Ankunft in Riga wurde ich von meiner Familie sehr liebreich empfangen ….”. 


Der Vater des Carl von Martens, der allgemein als Verfassers dieses Titels genannt wird, war Wilhelm Conrad von Martens (1748 - 1828), der königlich-dänischer Generalkonsul in Venedig war. 

Alle diese Widersprüche sind aber eigentlich für einen Antiquar ohne Zeit und “Drittmittel” nicht erforschbar, weswegen ich aufgab und die Beschreibung mit dieser Frage enden ließ: vielleicht ist der gesamte Text ja um historische Fakten herum fingiert, oder der Tod des Verfassers wurde vermeldet, um politische Verfolgung zu vermeiden und seine genaue Identität absichtlich verschleiert? Halt 1848 …

Dennoch ist der Titel interessant für die Zeit der Napoleonischen- und Befreiungskriege und er gilt auch der Kleist-Forschung als Quelle: http://www.textkritik.de/bka/dokumente/dok_rahmer/rahmermd035-040.htm

Jedenfalls ein rätselhafter Text über den es sich lohnen würde intensiver nachzudenken.

Ich schlief eine Nacht über das Rätsel und am nächsten Tag kam die Erkenntnis: wie immer hilft das Lesen des Textes selbst, das Rätsel ließ sich plötzlich lösen. 

Auf den letzten Seiten der “Denkwürdigkeiten” beklagt nämlich der Verfasser den Verlust seines Grundbesitzes, der "Herrschaft Umkirch".

“... Stephanie Großherzogin von Baden gegen königlich preußischen Rittmeister von Martens-Bereskow, Wiehre/Ostpreußen wegen Aufhebung des zwischen der Klägerin und dem Beklagten abgeschlossenen Kaufvertrages vom 22.4.1835 (Herrschaft Umkirch). …” 

ex: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/suche/ergebnis1.php

Dieser Eintrag im Landesarchiv Baden-Württemberg führte mich also zum “königlich preußischen Rittmeister von Martens-Bereskow", dessen baltische Herkunft und Todesjahr (1846) im Zuge weiterer Recherchen den wahren Verfasser des vorliegenden Titels namhaft werden ließ:

Justus Theophil Martens von Bereskow. 

Ehre, wem Ehre gebührt. 

Eine der vielen Quellen, die seine Identität klären und in Folge auch seinen Anspruch auf die Verfasserschaft untermauern ist das BBLd:

"Martens, Justus Theophil (-1846) 

Entitätstyp: Mensch 

Genealogie 

Geschlecht: männlich 

+ 1846 Paris 

Haupteintrag 

1802-1804 stud. jur. in Dorpat; Im preuß., danach bis 1815 im russ. Militärdienst, Rittmeister, dann im preuß., danach im russ. Zivildienst, 1823-24 Beamter zu bes. Aufträgen beim General-Gouverneur von Witebsk. 1925-26 provisor. Prof. an der Univ. Wilna, sodann im Ausland als Schriftsteller. Journalist und Reisender" 

ex: BBLd - Baltisches Biografisches Lexikon digital.

Gustav Otto und Arnold Hasselblatt haben 1891 eine Schrift (“Von den 14,000 Immatriculirten Dorpats: Streifzüge in das "Album Academicum" der Kaiserlichen Universität Dorpat”) über die Alumni der Universität Dorpat veröffentlicht, in der unser Martens als einer der frühesten Studenten der neu gegründeten Universität nachgewiesen wird: 

“Auf Frankreichs schönem Boden starben, so weit solches aus dem „Album Acad." zu ersehen ist, 18 ehem. Dorpatenser, darunter der Journalist Martens (...) Der Zahl nach sehr nahe kommt dieser Kategorie diejenige der im Auslande thätigen Schriftsteller, Journalisten und Privatgelehrten. In diese, 20 Mann umfassende Gruppe gehören vor Allem die nach dem Immatriculations-Termin beiden ältesten Dorpatenser hinein, welche überhaupt im Auslande ihre Lebensstellung gefunden haben. Es sind dies der im Jahre 1846 nach einem recht unruhigen Leben zu Paris verstorbene Journalist und Reisende Justus Martens aus Livland (Nr. 36) und der im Jahre 1860 zu Regensburg verstorbene Sammler und Privatgelehrte Carl Brosse aus Livland (Nr. 43) - Beide im Jahre 1802, also im Jahre der Gründung der Universität, in die Dorpater Matrikelbücher eingetragen .”

ex: eBook online

Im Netz ließen sich sodann Digitalisate der deutschsprachigen livländischen Zeitung "Inland" finden, die einen “Nekrolog” (Nr. 47 vom 22.11.1848) auf Justus Theophil Martens und später noch eine Ergänzung (Nr. 6 vom 07.02.1849) zu diesem Nachruf brachten. Darin wird er explizit als Verfasser nicht nur unseres Titels genannt.

“Nekrolog

Bereits im Jahre 1847 starb zu Paris der aus Riga gebürtige, als Schriftsteller und durch mannigfache Lebens Schicksale bekannte ehemalige Offizier und Staatsbeamte in Kaiserlich-Russischen Diensten v. Martens. Geboren zu Riga um das Jahr 1785 erhielt er seine erste Bildung auf der dortigen Domschule, worauf er eine kurze Zeit in Dorpat studirte (nach dem albo academico wurde Justus Theophilus Martens aus Riga den 31. Juli 1862 als Jurist immatriculirt) und dann deutsche Universitäten (Wittenberg, Jena, Heidelberg) besuchte. Im Jahre 1866 erhielt er bei dem Preußischen Husaren-Regimente v. Rüdorf eine Anstellung als Cornet, machte einen Theil des bald darauf eröffneten Feldzuges mit und verließ den Preußischen Dienst mit der Zertrümmerung der Armee. Er suchte darauf ein Unterkommen bei dem Oesterreichischen Heere, ging aber bald nach Rußland zurück und trat als Offizier in das Jsjumsche Husaren-Regiment. In solcher Stellung machte er den Feldzug von 1812 mit und unternahm 1813 eine längere Reise durch Deutschland. In späterer Zeit bekleidete er eine Civilbedienung bei dem Hrn. General-Gouverneur von Witebsk, Smolensk und Mohilew, Fürsten Chowansky und fand in den Jahren und 1826 eine kurze Anstellung bei der Universität in Wilna als Docent der militairischen Wissenschaften. Um das Jahr 1829 hielt er sich in Dresden auf und gab daselbst Pseudonym eine Schrift heraus, die unten näher bezeichnet ist. Nach einem häufigen Wechsel des Aufenthalts und einem bewegten, ja abenteuerlichen, Leben in Berlin, Freiburg, Strasburg, und mehren Orten am Rhein begab er sich nach Paris, wo er seine Tage beschloß. Seine Schriften sind folgende: 1) Cours élémentaire de l’art de guerre, Vilna, 1826. 2) Rußland in der neuesten Zeit. Eine Skizze von E. Pabel, Dresden und Leipzig, Arnold, 1830, 160 S. in 8. Nach seinem Tode erschienen  von seinem Sohne herausgegeben, 3) Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen u. politischen Leben eines alten Offiziers. Ein Beitrag zur Geschichte der letzten vierzig Jahre von S. v. Martens. Dresden und Leipzig, Arnold, 1848, 366 S. in 8.”

ex: “Inland” Nr. 47 (22.11.1848)

https://periodika.lndb.lv/periodika2-viewer/?_gl=1*p46rbv*_ga*OTI2ODQyNjc2LjE3ODg2MDQ4NDU.*_ga_63TQS0TRXR*czE3ODg5NTA1ODYkbzMkZzEkdDE3ODg5NTA3ODAkajYwJGwwJGgw#panel:pa|issue:235626|article:DIVL87

“Nekrolog

Zu der in Nr. 47 des „Inlands" vom vorigen Jahre gegebenen Nachricht über unsern in Paris verstorbenen Landsmann Martens fügen wir Nachstehendes ergänzend hinzu. Justus Theophil Martens war der Sohn eines Rigaischen wohlhabenden Kaufmanns, des ehemaligen Bürgermeisters Martens, und dessen Ehefrau, einer geborenen Willisch, Tochter des früheren Rig. Stadtpredigers am Dom und Schwester des erst vor einem Jahre verstorbenen emeritirten Bürgermeisters gleichen Namens. Aus der zahlreichen Familie Martens, von neun Kindern — sechs Töchtern und drei Söhnen — leben, so viel uns bekannt ist, nur noch ein Bruder in Riga und eine nach Rußland verheirathete Schwester. — Justus Martens, der älteste der Brüder, genoß seinen Unterricht erst durch Privatlehrer im elterlichen Hause und später in der Domschule. Im Jahre 1803 bezog er die Universität Dorpat u. studierte Kriegswissenschaft; im folgenden Jahre ging er nach Berlin, wo er dieses Studium fortsetzte und außerdem noch — nach dem damaligen Tone der Zeit — Fichte's Vorlesungen über dessen Wissenschaftslehre eifrig besuchte. — Mit dem Jahre 1805 beginnt seine militairische Laufbahn. Er nahm thätigen Antheil wie an den damaligen Feldzügen, so an dem Schicksale Preußens, ließ sich deshalb in manche Verbindungen ein und besuchte in dieser Beziehung Städte, wie Wien und Prag. —

1811 kehrte er zuerst als Preußischer Rittmeister in seines Vaters Haus zurück, trat aber nach kurzem Verweilen wieder gleich in Russische Dienste und machte 1812 den Krieg gegen die Franzosen mit.

Im Jahre 1815 verließ er den Russischen Dienst und ging zum zweiten Male nach Preußen. Hier wollte ihm aber eine neue Anstellung nicht gelingen. — In jene Zeit fällt wahrscheinlich seine Verheirathung mit einer— wie es hieß — wohlhabenden Wittwe in (oder in der Nähe von) Berlin. — Im J. 1819, ein Jahr nach dem Tode seines Vaters, besuchte er abermals seine Heimath, und begab sich hierauf nach St. Petersburg, Dienste im Vaterlande zu suchen. —

In den Jahren 1823 und 1824 machte Martens einige Reisen in's Innere des Russischen Reiches, kam mit dem kurz zuvor ernannten General-Gouverneur von Mohilew, Witebsk, Smolensk und Kaluga, Fürsten Ehowansky, in Berührung und wurde von demselben als Beamter für besondere Aufträge angestellt. — Im J. 1825 bewarb er sich um die Professur an der in Wilna zu errichtenden höhern Kriegsschule und wurde auch provisorisch als Professor der Kriegswissenschaft an der dortigen Universität angestellt. Hier blieb er indeß nicht lange, sondern begab sich nach Warschau und von da nach Schlesien, womit er von seinem Vaterlande auf immer Abschied nahm. Er liebte Preußen, wie er sich ausdrückte, als sein zweites Vaterland und hoffte dort endlich einmal Dienste zu finden. Seine Wünsche u. ununterbrochenen Bemühungen in dieser Rücksicht schlugen fehl. Er versuchte nun Vielerlei, um sich einen bestimmten Wirkungskreis zu schaffen, aber nirgends wollte ihm etwas gelingen, und so sehen wir ihn wie einen Ball des Schicksals überall herumgeworfen, so Verschiedenes unternehmen und versuchen, aber Alles ohne Erfolg. Nirgends hatte er eine bleibende Wohnstätte, er war fast immer auf Reisen.

Zweimal war er in London. Das letzte Mal von 1830— 1832, in welcher Zeit er sich dort mit Unterricht und Schriftstellerei beschäftigte.

Später begab er sich nach der Schweiz und durchzog diese, dann ging er von der Schweiz nach Freiburg, kaufte sich, nachdem er dort vergeblich um die Anstellung als Professor sich beworben hatte, im Breisgau an. Nach hier erlittenen vielen Unfällen und schweren Drangsalen, wozu eine über ihn verhängte weitläufige Untersuchung und lange und harte Gefangenschaft gehört, begab er sich auf's Neue in andere Gegenden Deutschlands und ging endlich nach Frankreich, in dessen Hauptstadt er im Jahre 1846 (nicht 1847) starb. Sein steter Begleiter auf seinen Kreuz- und Queerzügen, und Schicksalsgenosse selbst in der obengedachten Untersuchung und im Gefängnisse, war sein Sohn, wahrscheinlich der einzige den er hatte. Als dieser, herangewachsen, sich bei einem Französischen Freicorps engagirte, um mit demselben nach Algerien eingeschifft zu werden, machte auch Martens in seinen letzten Jahren noch dreimal die Reise nach Algier, und besuchte bei der Gelegenheit die Küsten von der Marokkanischen bis zur Tunesischen Gränze.

Merkwürdig bleibt Martens immer durch seine höchst wunderbaren Schicksale und Reisen nicht nur seinen Verwandten und seinen noch übrigen hiesigen Zeitgenossen, sondern, als Landsmann schon, uns Allen. Als Vielgewanderter besuchte er die meisten größten Städte, wie London, Paris, Wien, Prag und Dresden in Europa; sah Oran, Mostaganem, Scherschel, Budchia, Philippeville, Dschidschelly und Bona in Afrika. Als Vielversuchender war er, bald in militairischen, bald in politischen, bald in ökonomischen, bald in literärischen Verbindungen lebend, wirksam und thätig.

Von seinen literarischen Arbeiten bemerken wir, daß außer den in Nr. 47 des „Inlands" angeführten Werken Martens auch mehre Aufsätze für Deutsche Journale, und in England sogar Materialien für die „Westminster- u. Monthly-Review" lieferte. Im letztern („Monthly-Review") sind namentlich Lettische Volkslieder von ihm übersetzt erschienen. Nur eines von ihm verfaßten und nach seinem Tode von seinem Sohne herausgegebenen Buches: „Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers lc., Dresden und Leipzig 1848", wollen wir hier näher erwähnen, da dieses Werk uns am meisten interessiren möchte. Obgleich dasselbe von Einseitigkeiten, vorgefaßten Meinungen, zu scharfen, voreiligen Urtheilen und übertriebenen, oft unrichtigen Darstellungen nicht ganz frei zu sprechen ist, so enthält es doch so manches Interessante und, fast in Form eines Tagebuchs, eine nähere Schilderung des Leidens und der Schicksale des Verfassers. Wir bedauern nur, daß über Martens häusliches Leben und Familien-Verhältnisse so gar nichts darin zu finden ist.

Wer Martens in seiner Jugend und bei seinem ersten Auftreten gekannt hat, wird sich sein nachheriges Mißgeschick einigermaßen erklären können. Ausgestattet mit guten Fähigkeiten des Geistes, mit leichter Auffassungsgabe und einem, offenen, regen Sinn, ließ er recht viel von sich erwarten. Aber seine erste Erziehung und Bildung ermangelte einer gehörigen Beaufsichtigung und festen Leitung. Dem Vater, ursprünglich ein Auslander und, wenn wir nicht irren, aus Lübeck gebürtig, war im ganzen Sinne des Wortes nur Kaufmann, und beschränkte sich bloß auf seine Berufs-Thatigkeit. Mit einer übermaßigen Peinlichkeit und Genauigkeit widmete er diesen Geschäften allein seine Zeit, so daß ihm nicht Muße genug übrig blieb, seine Aufmerksamkeit in nöthiger Weise auch seinem Sohne zuzuwenden. Daher denn schon der Knabe, sich ganz selbst überlassen, eine zu frühe Selbstständigkeit erlangte, die nach eigenem Belieben wählen, wollen und über sich bestimmen konnte, was in so früher Jugend nicht ohne schädlichen Einfluß auf die wissenschaftliche und sittliche Ausbildung, zu bleiben pflegt. Dazu kam ein leichter Sinn, der ihn nie mit den zugewiesenen Mitteln auskommen ließ und ihn in bestandige Geldverlegenheit brachte, und ein hoher Grad von Reizbarkeit, wodurch er überall anstieß und schon in seinen akademischen Jahren viele Unannehmlichkeiten erfahren mußte. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß er, noch seinen nachherigen freien politischen Ansichten und Überzeugungen und bei manchen, vielleicht nicht mit Vorsicht eingegangenen, Verbindungen, ohnerachtet der ihm nachgerühmten Ehrlichkeit und Rechtlichkeit, doch selbst seinem nachherigen feindlichen Geschicke in die Hände arbeitete. K—t.”

ex: “ Inland” Nr.6 (07.02.1849)

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Ein weiteres Werk Martens, “Rußland in der neuesten Zeit. Eine Skizze von E. Pabel [sic!], Dresden und Leipzig, Arnold, 1830” das unter dem vorgenannten Pseudonym erschienen war und irrtümlich mit Karl von Martens aufgelöst wird, kann mit diesen Angaben ebenfalls unserem Justus Theophil zugeschrieben werden.

Mittlerweile schrieb mir Eberhard Koestler, daß er meine Schlußfolgerungen schlüssig finde und seine Zuschreibung des Briefschreibers ändern würde. 

Christoph Schäfer 

            Düsseldorf, 09.09.2026

Mitglied im Verband Deutscher Antiquare und der ILAB

(Heinrich Heine Antiquariat

Lustenberger & Schäfer oHG

Citadellstr. 9

40213 Düsseldorf)


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