Montag, 28. August 2017

Meinhard Knigge, Hamburg: Technik - Handwerk - Naturwissenschaften

Hamburg - Das Antiquariat Meinhard Knigge ist u.a. auf altes Handwerk, Technik und Naturwissenschaften spezialisiert und kommt ohne eigene homepage aus.





Antiquarius: Woher rührt Ihr Interesse an alten Büchern, Herr Knigge?


Knigge: “Meine Begeisterung für Bücher geht – wie wohl bei vielen Antiquaren – schon auf die Schulzeit zurück. Hauptthema war in den späten 60er und frühen 70er Jahren, die ich in Heidelberg verbrachte, natürlich die Literatur von Hesse über Rilke zu Brecht und anderen.”


Antiquarius: O.k., so ging es fast bei allen von uns los, aber wie ging es bei Ihnen weiter?


Knigge: “Die logische Folge war, da ich familiär bedingt auch kaufmännisches und wirtschaftliches Interesse mitbrachte, nach dem Abitur eine Buchhandelslehre. Ich stand jedoch nicht hinter dem Tresen sondern noch etwas weiter weg, da ich drei lehrreiche Jahre im Bibliographischen Institut, vulgo “Duden-Verlag“, in Mannheim erleben durfte.”


Antiquarius: Wie sehr haben Sie diese Erfahrungen für Ihre weitere Arbeit geprägt?


Knigge: “Penible Genauigkeit bei der Bearbeitung von Texten und wichtige, erste Erfahrungen in Satz, Buchdruck und Einbandkunde sind dort bei mir hängen geblieben. Einer meiner Fachkundelehrer an der Berufsschule war ein Mannheimer Buchhändler, in dessen Antiquariat ich während meines nachfolgenden Studiums (Germanistik, Kunstgeschichte und weiteres) immer wieder jobben und erste Erfahrungen mit älteren Büchern machen konnte. Von da an war klar, dass ich Antiquar werden würde und andere Vorstellungen wie Journalist oder Lektor immer mehr in den Hintergrund traten.”




Antiquarius: Aber so ganz richtig ist das nicht, Sie veröffentlichen doch fachlich, oder?


Knigge: “Ja, das stimmt, so ganz kann ich vom Schreiben nicht lassen und bin hin und wieder mit Beiträgen in „Aus dem Antiquariat" vertreten.”


Antiquarius: Nach den Lehr- und Wanderjahren kehrten Sie als gebürtiger Bremer in den Norden zurück und arbeiteten für zwei äußerst renommierte Hamburger Häuser, ist das richtig?


Knigge: “Im Herbst 1985 begann ich bei Hauswedell & Nolte in Hamburg im Antiquariat zu arbeiten. Immer mehr entpuppten sich literarische Werke für mich als „langweilig“ und die Welt der wissenschaftlichen und nicht-literarischen Bücher tat sich von Auktion zu Auktion weiter und weiter vor mir auf. Es folgten sechs Jahre beim Auktionshaus von Henner Wachholtz, die mir viele weitere Erfahrungen bescherten und die ich ebenfalls nicht missen möchte, obwohl die Firma Ende 1994 geschlossen worden ist. Viele Kollegen sind mir in diesen Jahren gute Freunde geworden.”





Antiquarius: Wenn der eigene Arbeitgeber schließt, beginnt man sich darüber Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll, fielen Sie in ein Loch?


Knigge: “Nein, ein halbes Jahr konnte ich noch das Werkverzeichnis des Hamburger Lithographen Wilhelm Heuer für den Wachholtz Verlag und einen Hamburger Sammler betreuen und startete dann Ende des Jahres in die Selbstständigkeit.“


Antiquarius: Können Sie sich noch an Ihr erstes Buch erinnern, das sie gezielt zum Wiederverkauf erworben haben ?


Knigge: “Natürlich. Mein erstes Buch dafür hatte ich schon Anfang 1995 auf der 9. Antiquaria in Ludwigsburg bei einem mir sehr lieb gewordenen Kollegen erworben:


Das Drachensteigen. Eine Anweisung alle Arten fliegende Drachen zu verfertigen und dieselben steigen zu lassen. Mit erläuternden Abbildungen, wie auch Luftballons mit kugelförmigem Ueberzuge zu machen. Ein Beitrag zur ländlichen Belustigung. Mit 1 gefalteten Kupfertafel. Leipzig, 1826.

Dieses Buch ist ein später Nachfolger von Benjamin Franklins Versuchen mit Blitzableitern, die er an Drachen befestigt hatte.“


Antiquarius: Das kann kein Zufall gewesen sein, das geht genau schon in die Richtung Ihrer Spezialisierung.


Knigge: “Genau, damit war die Richtung vorgegeben und mein erster Katalog mit dem Titel „Technik Handwerk Naturwissenschaften“ wurde am 1. Februar 1996 verschickt.”




Antiquarius: Viele weitere folgten?


Knigge: “Leider sind nur zwölf weitere gedruckte Kataloge erschienen, doch hat sich das antiquarische Umfeld durch die Digitalisierung seither so stark verändert, dass ich nur noch in Ausnahmefällen gedruckte Kataloge machen werde.”


Antiquarius: Stichwort Internet, wie sieht es bei Ihnen mit dem online-Angebot und -Verkauf aus?


Knigge: Auch von Amazon und seinen Töchtern habe ich mich schon länger verabschiedet. Ich setze nicht so sehr auf den Verkauf über Internetplattformen sondern pflege den persönlichen Kontakt mit meinen Kunden und stelle seit langer Zeit auf großen deutschen Antiquariatsmessen aus, von denen für mich leider nur noch die Stuttgarter Antiquariatsmesse von Bedeutung ist.”
© Irene Ferchl



Antiquarius: Und wofür interessieren Sie sich momentan besonders?


Knigge: “Mein besonderes Interesse liegt inzwischen – himmelweit von meinen literarischen Anfängen entfernt! – auf den technischen, wissenschaftlichen und architektonischen Entwicklungen zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg. Eines von vielen spannenden Jahrhunderten, dessen Wirkungen aber im Gegensatz zu den vorhergehenden auch heute immer noch viel stärker zu spüren sind. Stichworte hierzu sind z. B.: von der Dampfmaschine zum Ottomotor, von der Eisenbahn zum Flugzeug, von der tierischen Elektrizität zum weltumspannenden Energie- und Telegraphennetz, von der Holzbrücke zum Brückenbau in Eisen und Beton, von der Camera obscura zur Photographie, vom Druck auf der hölzernen Presse bis zur Rotationsmaschine; vorgestellt auf Gewerbe- und Weltausstellungen, in reich illustrierten Musterbüchern und Verkaufskatalogen, sich in Dekoration und Ornamentik stilistisch entwickelnd vom Rokoko über Klassizismus und Biedermeier bis hin zu Historismus und Jugendstil. Kulturgeschichtliche Bücher, die gerne auch aus dem 18. Jahrhundert stammen können, nehme ich aber auch immer wieder gerne in mein Sortiment auf.”





Antiquarius: Das alles hört sich so an, als wenn Sie immer noch Spaß an der Arbeit haben und es Ihnen nie langweilig wird.


Knigge: “Je länger ich als Antiquar arbeite, desto spannender und schöner wird es. Die Menge der Bücher, von denen ich weiß, dass es sie gibt und die ich gerne einmal erwerben und weiterveräußern möchte, wird fast von Tag zu Tag größer. Und es wächst bei meinen Recherchen natürlich auch die Zahl der Titel, von denen ich noch nichts gehört oder gewusst habe, die ich aber entdecken und dann hoffentlich auch ankaufen kann.”


Antiquarius: Und was machen Sie sonst noch so?


Knigge: “Seit 2012 bin ich im Vorstand des Verbandes Deutscher Antiquare e. V. aktiv und betreue seit kurzem den Katalog der Stuttgarter Antiquariatsmesse wie auch den Gemeinschaftskatalog der GIAQ. Hier schließt sich – für mich – der Kreis zu meiner Ausbildung, indem ich penible Genauigkeit bei der Bearbeitung von Texten und meine langen Erfahrungen für andere Antiquarinnen und Antiquare sinnvoll einsetzen kann.”



Meinhard Knigge bietet als GIAQ-Mitglied übrigens online exklusiv über antiquariat.de an, die Bestände finden Sie hier.





Antiquariat Meinhard Knigge
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