Dienstag, 22. August 2017

Fast wie im Roman, von der unglücklichen Beamtin zur leidenschaftlichen Antiquarin

Grafschaft - Das Antiquariat „An der Vikarie“ im Ahrtal zwischen Bonn und Koblenz gelegen befindet sich in einem hundertfünfzig Jahre alten ehemaligen Pfarrhaus.  



Antiquarius: Wie sind sie zum alten Buch gekommen?


Gabriele Schulte-Kutscher: “Meine Affinität und Liebe zu Büchern entwickelte sich schon sehr früh. Bereits als Kind habe ich viele Tage damit verbracht, die Bücher meiner älteren Geschwister zu katalogisieren, mit Nummern zu versehen und so eine eigene kleine Bücherei zu schaffen. Aus diesem früh angelegten Interesse entstand später der Wunsch, auch beruflich im Buchhandel tätig zu sein.“






Antiquarius: Und dann sind Sie Buchhändlerin geworden?


Schulte-Kutscher: “Nachdem alle meine Bewerbungen auf eine Lehrstelle als Buchhändlerin fehlgeschlagen waren, habe ich zunächst eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen, bin aber damit nie glücklich gewesen.”


Antiquarius: Das hört sich schrecklich, aber zugleich auch bekannt an. Wie haben Sie Ihr Dilemma gelöst?


Schulte-Kutscher: “Neben dem Besuch des Abendgymnasiums ergab sich glücklicherweise die Gelegenheit, stundenweise im Antiquariat meines späteren Mannes auszuhelfen. Viele Stunden umgeben von stapelweise angehäuftem Wissen, von wirklich alten Schätzen oder auch vom gemeinen Gebrauchtbuch, jedes mit seiner ganz individuellen Entstehungs- und Herkunftsgeschichte, entstand schnell der Wunsch, sich dies zu bewahren und zu einem Beruf zu machen.”





Antiquarius: Gibt es ein happy-end?


Schulte-Kutscher: “Und als sich nach Abschluß des Abendgymnasiums Anfang 2001 das berufliche mit dem privaten Glück verband, fiel die Entscheidung, die Beamtenlaufbahn nun vollständig aufzugeben und sich ganz der Tätigkeit im Antiquariat zuzuwenden nicht schwer.
Als im Jahr 2004 unsere Tochter geboren wurde, ließ sich  die berufliche Tätigkeit und die Kinderbetreuung meist problemlos miteinander verbinden, zumal viele Arbeiten nach Hause verlagert werden konnten und unsere Tochter zwischen Bücherregalen im Ladengeschäft glücklich aufgewachsen ist.”



Antiquarius: Das hört sich an wie ein Roman.


Schulte-Kutscher: “Nachdem ich bereits mehrere Jahre im Antiquariat meines Mannes tätig gewesen war und infolge der Einschulung unserer Tochter wieder mehr Zeit zur Verfügung stand, habe ich mich 2010 entschlossen, ein eigenes kleines Antiquariat zu gründen und dort eher ausgewählte Bücher aus dem klassischen Antiquariatssektor wie bibliophile und kulturhistorisch interessante Werke, aber auch neuere, qualitätsvolle wissenschaftliche Titel anzubieten.”





Antiquarius: Wie sieht Ihr Antiquariat aus?


Schulte-Kutscher:Das Antiquariat befindet sich in einem 150 Jahre alten Pfarrhaus, das ursprünglich für den Kaplan / Vikar gebaut wurde. Bei den Alteingesessenen im Dorf wird es deshalb immer noch „die Vikarie“ genannt. So lag es nahe, diesen geschichtsträchtigen Namen im Antiquariatsnamen weiterleben zu lassen.“




Antiquarius: Welche spannenden Bücher findet man dort zur Zeit?


Schulte-Kutscher: “Der Buchbestand von etwa 3000 Titel umfaßt u.a. einige  Werke aus dem Bereich der älteren Drucke, so z.B. eine französische Ausgabe der mittelalterlichen Briefe von Abaelard und Héloïse, gedruckt im Jahr 1723, das dreibändige Werk „Curiosités de Paris, de Versailles, (…)“, welches auf einigen Kupferstichen Ansichten des vorrevolutionären Paris des 18. Jahrhunderts zeigt oder einen bibliophilen Band des Züricher Malers und Dichters Salomon Gessner in französischer Sprache, zu seinen Lebzeiten erschienen und mit ganzseitigen Kupfern illustriert.
Zudem eine dreibändige frühe Ausgabe der „Schriften“ Johann Wolfgang von Goethes, 1777 bei Christian Friedrich Himburg in Berlin erschienen und mit einigen gestochenen Vignetten und Tafeln illustriert. Ebenfalls im Bestand finden sich der für die Entwicklung der Romantik wichtige zweibändinge Briefroman Ardinghello von Johann Jakob Wilhelm Heinse in der Erstausgabe von 1787 sowie  Charles Dickens´ zwölfbändige Ausgabe der „Ausgewählten Romane und Novellen“ in der Vorzugsausgabe des Insel-Verlages, erschienen in einer Auflage von 200 Exemplaren, gedruckt auf Hadernpapier und in Ganzleder gebunden.
Aus dem Bereich der neueren wissenschaftlichen Bücher sind etliche Bände mit lateinischen mittelalterlichen Texten aus der bei Brepols erschienenen Reihe „Corpus Christianorum“ zu nennen. In der moderneren Literatur können wir u.a. Titel aus dem interessanten Sammelgebiet der DDR-Literatur in Erstausgaben oder signierten bzw. Widmungsexemplaren anbieten, so z.B. Eva Strittmatters „Briefe aus Schulzenhof“ in einem signierten Widmungsexemplar oder Anna Seghers Roman „Der Kopflohn“ in der im Exil bei Querido in Amsterdam 1933 erschienenen Erstausgabe.”



Antiquarius: Ist ein solcher gepflegter Laden, ein “brick & mortar store” nicht ein Anachronismus in Internet-Zeiten?


Schulte-Kutscher: Auch wenn sich das Antiquariatsgeschäft generell zunehmend ins Internet verlagert hat und das Antiquariat An der Vikarie als reines Versandgeschäft konzipiert ist, ergeben sich ab und zu doch noch nette persönliche Kundenkontakte. So fand z.B. die Übergabe einer Kleist-Ausgabe an einen Kunden aus der Schweiz, der extra angereist war, um diese vor Erwerb persönlich in Augenschein zu nehmen, im nahegelegenen Bahnhof bei einem Kaffee statt. Dies ist zwar die Ausnahme, doch auch im täglichen Geschäft ergibt sich häufig per email ein freundlicher Austausch mit Kunden aus aller Welt.”




Antiquarius: Kaufen Sie weiterhin an?


Schulte-Kutscher: “Da wir ständig bestrebt sind, unseren Bestand zu ergänzen, sind wir am Ankauf bibliopiler Sammlungen und wissenschaftlicher Bibliotheken aus vielen Bereichen im Großraum Bonn-Koblenz immer interessiert.”


Antiquariat An der Vikarie
Gabriele Schulte-Kutscher
Stefanstraße 6
53501 Grafschaft
Tel.: 02641-912207

eMail: bestellung@antiquariat-vikarie.de

Dieser link führt zum Bestand auf antiquariat.de.


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